Sexualisierte Gewalt gegen Mädchen und Frauen mit Behinderungen

Sexualisierte Gewalt gegen Mädchen und Frauen mit geistigen und körperlichen Behinderungen ist ein in der Öffentlichkeit stark tabuisiertes Thema. Es wird ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass sexualisierte Gewalt gegen Mädchen und Frauen mit Behinderungen eine undenkbare und demzufolge sicher auch sehr seltene Tat sei. Vielmehr findet sie in einem großen Ausmaß statt, besonders gegen Mädchen und Frauen – insbesondere auch in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung. Trotzdem spricht kaum jemand darüber und es wird kaum ein Übergriff bekannt. Es kommt kaum zu Bestrafungen der Täter oder es werden so gut wie keine Anzeigen bei den zuständigen Aufsichtsbehörden gemacht.

Mädchen und Frauen mit Behinderungen stehen oftmals in einem Abhängigkeitsverhältnis zu Bezugspersonen, welches demjenigen in der Konstellation Täter und Kind ähnelt. Anstelle der natürlichen, entwicklungsbezogenen Unterlegenheit des Kindes tritt die jeweilige geistige oder körperliche Behinderung. Erschwerend kommt hinzu, dass das Machtgefälle im Abhängigkeitsverhältnis bei bestimmten Behinderungen das gesamte Leben erhalten bleibt.

Lange Zeit war es unbekannt und für viele unvorstellbar, dass sexualisierte Gewalt gegenüber Menschen mit Behinderungen stattfindet. Die Skala der Täter ist breit gefächert. Sie befinden sich im gesamten Umfeld, in dem Mädchen und Frauen mit Behinderungen leben und arbeiten. Die Täter und Täterinnen stammen aus der Familie, dem sozialen Nahraum und aus öffentlichen Institutionen von Wohnen, Arbeit und Freizeit der Behindertenhilfe.

Frauen werden eher selten als Täterinnen benannt, obwohl sie auch als Täterinnen ermittelt werden. In der Regel findet sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Frauen mit Behinderungen durch Männer (ohne und mit Behinderungen!) statt. (Zemp/Pirscher/Schoibel).

Hinzu kommt, dass sich bisher vorgelegte Studien überwiegend auf sexualisierte Gewalt speziell in Einrichtungen der Behindertenhilfe beziehen und Übergriffe im familiären Kontext oder im Rahmen von ärztlichen Untersuchungen o. ä. außer Acht lassen. Auch die Thematik der sexualisierten Ausbeutung behinderter Jungen und Männer bleibt außen vor.

Bei den Tätern und Täterinnen handelt es sich demnach um Familienmitglieder, Verwandte und Bekannte sowie Fachkräfte: Ärzte, Psychologen, Betreuungspersonal, Pädagogen, Werkstatt- oder Wohngruppenleiter etc. Auch Mitbewohner begehen sexualisierte Übergriffe gegenüber Mädchen und Frauen, z. B. in gemischtgeschlechtlichen Wohngruppen für behinderte Menschen. Die Täter nutzen die besondere Lebenssituation behinderter Menschen aus, d. h. ihre Wehrlosigkeit, Schutzlosigkeit, ihre Abhängigkeit oder das ihnen entgegengebrachte Vertrauen des Mädchens/der Frau. Die Täter können die Tat leicht vertuschen, da sie davon ausgehen können, dass den Äußerungen und Schilderungen der gewaltbetroffenen Person wenig Glauben geschenkt wird. Hilfe- und Unterstützungsangebote können auf diese Weise die Betreffenden nur schwer erreichen.

 

Die Behinderung wird dabei zum Risikofaktor, weil

  • Mädchen und Frauen mit Behinderungen per se oftmals in einem oder mehreren Abhängigkeitsverhältnissen zu Bezugspersonen oder (Pflege-)Fachkräften stehen und sich diesen nicht oder nur schwer entziehen können.
  • Mädchen und Frauen mit geistiger Behinderung oftmals nicht in der Lage sind, die sexualisierte Gewalt als solche einordnen zu können. Auch, weil generell zu wenig Sexualaufklärung stattfindet. Vergleichbar zu nichtbehinderten betroffenen Kindern fehlen zudem häufig Begrifflichkeiten für die erlebte Gewalt.
  • Mädchen und Frauen mit Behinderungen häufig in Einrichtungen (spezielle Schulen, Behindertenwerkstätten, -wohnheime etc.) lernen, arbeiten oder leben, in denen eine intime, selbstbestimmte Lebensführung minimiert ist.
  • Mädchen und Frauen mit Behinderungen häufiger in pflegerischer oder ärztlicher Behandlung sind und in diesen Situationen relativ leicht und scheinbar unbeabsichtigt berührt und belästigt werden können. Generell ist es vor allem für körperlich behinderte Mädchen und Frauen erschwert, die eigenen körperlichen Grenzen zu wahren, da sie von klein auf daran gewöhnt sind, untersucht und angefasst zu werden. Auch intimste Handlungen sind nicht ohne fremde Hilfe möglich, d. h. die Häufigkeit der Körperkontakte lässt auch die eigenen Grenzen verschwimmen bzw. erleichtert den Tätern, diese zu überschreiten.
  • Die Glaubwürdigkeit von Mädchen und Frauen mit Behinderungen in Frage gestellt werden.
  • bestimmte diffamierende Denkmuster über das Frauenbild von Frauen mit Behinderungen noch immer bestehen. Ihnen wird oftmals keine eigenständige selbstbestimmte Sexualität zugestanden.
  • das eigene Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein häufig eher gering ausgeprägt sind, da der Fokus der eigenen Entwicklung und Sozialisation weniger auf den eigenen Fähigkeiten, Stärken und Ressourcen, sondern auf den aus der Behinderung resultierenden Einschränkungen liegt. Selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen, kann deshalb für Mädchen und Frauen mit Behinderungen generell und vor allem ihre Sexualität betreffend erschwert sein.
  • Folgeerscheinungen, z. B. Distanzlosigkeit, Schlafstörungen, aggressives Verhalten oftmals als Folge der Behinderung und nicht als Folge der erlebten Gewalt interpretiert werden.
  • die Behinderung ein aktives Wehren verhindert. Eine Frau im Rollstuhl kann nicht weglaufen. So kann ein Mädchen mit Sehbehinderung den Täter nicht identifizieren bzw. wenn es gehörlos ist, nicht schreien.

Diese Aufzählung veranschaulicht verschiedene Aspekte, warum es für Täter und Täterinnen erleichtert ist, Menschen mit Behinderungen sexuell auszubeuten.

Verschiedene Studien zeigen, dass Mädchen und Frauen mit Behinderungen häufiger von sexualisierter Gewalt betroffen sind als nicht behinderte Mädchen und Frauen und häufiger als Jungen und Männer mit Behinderungen. Besonders gefährdet sind Menschen mit geistiger Behinderung. Die Dunkelziffer dieser Delikte ist sehr hoch, da es für diese Menschen oftmals schwierig ist, sich mitzuteilen und das Gewalterleben anzuzeigen.

Ein Grund für das Ausmaß sexualisierter Gewalt gegenüber Mädchen und Frauen, die geistig oder körperlich behindert sind, nicht sehen oder hören können, ist, dass diesen oftmals das Wissen über Sexualität in Abgrenzung zu sexuellen Übergriffen nicht vermittelt wurde.

Hinzu kommt, dass sich bisher vorgelegte Studien überwiegend auf die sexualisierte Gewalt speziell in Einrichtungen der Behindertenhilfe beziehen und Übergriffe im familiären Kontext oder im Rahmen von ärztlichen Untersuchungen o. ä. außer Acht lassen. Auch die Thematik der sexualisierten Ausbeutung behinderter Jungen und Männer bleibt außen vor.

Trotz gesetzlicher Verpflichtung werden nur wenige Vorfälle seitens der Einrichtungen und Schulen bei der Aufsichtsbehörde mitgeteilt. Für den Täter ergeben sich in der Regel keine arbeitsrechtlichen Konsequenzen. Das Ergebnis ist, dass notwendige Prävention und Intervention unterbleibt.

Die Prävention verfolgt das Ziel, die öffentliche Wahrnehmung und Sensibilisierung für diese Thematik zu schaffen. Das gesellschaftliche Bild von Mädchen und Frauen mit Behinderungen als geschlechtslose und fremdbestimmte Personen muss sich ändern, so dass ein selbstbestimmtes Handeln trotz Beeinträchtigungen als selbstverständlich angesehen wird.

Generell brauchen Menschen mit Behinderungen zur Verhinderung sexualisierter Gewalt eine umfassende Sexualaufklärung, verbunden mit der Durchführung von auf die Behinderung abgestimmten Projekten. Dabei unterscheiden sich nicht die Inhalte der Präventionsangebote, es müssen lediglich behinderungsbedingte Aspekte berücksichtigt werden.

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