Sexualisierte Gewalt in den neuen Medien

 

Gliederung des Artikels

Neue Medien – was ist das eigentlich?

Stichwort Anonymität

Sexualisierte Gewalt im Chat, via Messenger-Programmen und Sozialen Netzwerken

Spezialform: Cyber-Mobbing/Cyber-Stalking

Sexualisierte Gewalt und Handynutzung

(Kinder-)Pornografie im Netz

Folgen sexualisierter Medien-Gewalt

Schutzmöglichkeiten

Literatur zum Thema


 

Neue Medien – was ist das eigentlich?

Die heutige Sozialisation von Kindern und Jugendlichen ist ohne die neuen Medien nicht mehr denkbar. Die Auseinandersetzung mit der Welt, das Aneignen von Wissen und Anschauungen passieren deshalb oftmals über medienvermittelte Erfahrungen. Zu den neuen Medien zählen das Internet, Video- oder Internetgames, Handy und TV, wobei letzteres häufig ebenfalls online konsumiert werden kann.

Das moderne Mitmach-Internet, das sogenannte Web 2.0, nimmt im Bereich der neuen Medien einen sehr hohen Stellenwert ein und bietet nicht nur den Zugriff auf zahlreiche Informationen aller Art, sondern auch verschiedene Dienste, die Internetkommunikation sowie Online-Selbstdarstellung ermöglichen. Zu nennen sind hier: E-Mail-Dienste, Chats und Foren, auch Selbsthilfeforen, Blogs, Newsgroups und Podcasts oder Messenger-Programme wie MSN oder ICQ. Daneben gibt es zahlreiche Video- und Internetspielportale. Besonders bekannt sind auch sogenannte Social Communities bzw. Social Networks.

Der Zugriff auf die Internetnutzung ist meist kostengünstig und technisch einfach einzurichten, so dass mittlerweile fast jeder Haushalt oder jede Institution über selbigen verfügt. Dabei fehlen häufig unabhängige Kontrollinstanzen, die Inhalte und Aktivitäten filtern und beobachten. Auf der Hand liegt deshalb, dass die Internetnutzung nicht nur Vorteile mit sich bringt, sondern auch Gefahren birgt und dem Internet generell eine zusätzliche Plattform für sexualisierte Übergriffe schafft.

Stichwort Anonymität

Die Internetnutzung und auch die Online-Kommunikation über die angeführten Web-Dienste finden stets in einem sehr anonymen Rahmen statt. Es ist möglich, mit zahlreichen anderen Usern in Kontakt zu treten, in unterschiedliche virtuelle Rollen zu schlüpfen, Inhalte hochzuladen und zu publizieren, ohne seine tatsächliche Identität preisgeben zu müssen. Gerade dieser hohe Grad an Anonymität erleichtert Tätern, sexualisierte Gewalt auszuüben und mit den Opfern in Kontakt zu treten.

Sexualisierte Gewalt im Chat, via Messenger-Programmen und Sozialen Netzwerken

  • Chatten ist eine der beliebtesten Tätigkeiten von Kindern im Internet. Chats sind Webseiten oder Programme, die die Möglichkeit bieten, sich mit anderen über Tastatur und Bildschirm online zu unterhalten. Dabei gibt es spezielle Chats extra für Kids oder bezogen auf spezielle Themen. Die Chat-Plattform wird dabei immer von einem Chat-Betreiber angeboten, der manchmal auch moderierende Funktion haben kann. Fakt ist aber immer, dass der Chat zunächst für jeden Nutzer zugänglich ist und sich jeder an der virtuellen Kommunikation beteiligen kann.
  • Bei der Nutzung eines Instant Messengers werden die Nachrichten oder auch Bilder bzw. Videos direkt von einem Nutzer zum anderen geschickt, so ist es z. B. ein Leichtes, pornografisches Bildmaterial zu verschicken bzw. zu empfangen. Sowohl bei der Nutzung von Chats als auch von Messengern ist es nicht unüblich, zusätzlich eine Web-Cam einzurichten, um neben der Sprache auch noch das Bild als Kommunikationskanal zu haben.
  • Social Networks sind Webseiten, die den Benutzern/Benutzerinnen ermöglichen, eigene Profile anzulegen und mittels dieses virtuellen Steckbriefs persönliche Daten, Fotos, Videos oder Texte online zu stellen und so - bewusst oder unbewusst - einer breiten Masse zugänglich zu machen.

Aufgrund der bereits erwähnten hohen Anonymität und der einfachen Zugänglichkeit zu diesen Online-Diensten, haben Täter oftmals leichtes Spiel. Die Möglichkeit, falsche Angaben über sich zu machen oder sich gar eine völlig andere Identität zu geben, erleichtert Tätern die Kontaktaufnahme ungemein. Sind Kinder, Jugendliche oder auch erwachsene Nutzer/Nutzerinnen nicht aufgeklärt, passiert es schnell, dass sie zu viele Daten und persönliche Fakten von sich preisgeben. Dies wiederum baut schneller ein Gefühl von Vertrauen auf, da das eigentlich anonyme, virtuelle Gegenüber echtes Interesse zeigt, zuhören kann, so vieles wissen will, lustig schreibt, gerade genau in derselben Situation steckt etc.

Trotz der hohen Anonymität fassen Kinder, Jugendliche und Erwachsene als Internetnutzer häufig schneller Vertrauen, als in der realen Welt, u. a. auch, weil die Einschätzung des Kommunikations-
partners lediglich durch die schriftlichen Angaben (evtl. ergänzt durch (gefälschte) Webcam-Bilder/Fotos) und zum Großteil durch die eigene Wunschvorstellung passiert.

Die Tatsache, dass Täter Online-Dienste zum Kommunikations- und Vertrauensaufbau mit Kindern und Jugendlichen benutzen, bezeichnet man als Grooming. Analog zum Vorgehen bei realen sexualisierten Übergriffen, greifen Täter auch virtuell auf diverse Strategien zurück, z. B. geben sie sich als Gleichaltrige aus, spielen den liebevollen Zuhörer oder ködern mit attraktiven Angeboten, wie beispielsweise in einem Film mitspielen können, einen Lieblingsschauspieler treffen können, einmal mit dem Ferrari mitfahren dürfen, u. a.

Ganz konkret umfasst die sexualisierte Gewalt in Chats, via Messenger und Social Networks:

  • Sammeln von Daten (Adresse, Alter, Vorlieben etc.) und Bildmaterial (Fotos, Videos) zur Vorbereitung von Übergriffen oder aber zur Weitergabe. Besonders fatal ist hier, wenn Kinder ahnungslos Fotos von sich machen, weiterschicken und der Täter diese dann als Mittel zur Erpressung verwendet (Beispiel: "Wenn du dich nicht mit mir triffst, werde ich das Foto in der Schule verteilen. Das willst du doch sicher nicht.") Technisch ist es heutzutage leicht möglich, Bilddateien so zu bearbeiten/zu manipulieren, dass sie pornografische Inhalte vermitteln. Kriminelles Potential birgt auch das Ausspähen von Passwortdaten, im Fachjargon als Password Fishing (Pishing) bezeichnet.
  • Verbale sexuelle Übergriffe, d. h. Kinder und Jugendliche bzw. Betroffene werden indirekt oder direkt nach ihren sexuellen Erfahrungen, nach sexuellen Vorlieben oder nach ihrem Körperbau befragt, Nutzerinnen werden beschimpft oder beleidigt, z. B. werden abwertende Kommentare auf der Profilseite gepostet („Du kleine Schlampe!“ etc.).
  • Aufforderung zu sexuellen Handlungen, z. B. die Aufforderung sich vor dem Bildschirm selbst zu befriedigen, evtl. sogar mit eingeschalteter WebCam oder Fotos von sich zu machen und hochzuladen/zu verschicken, Aufforderung zu Telefonsex/-chat.
  • Zusendung von pornografischem Material.
  • Drängen auf einen realen, persönlichen Kontakt, um dann sexualisierte Übergriffe auszuüben.

Spezialform: Cyber-Mobbing/Cyber-Stalking

Virtuelle sexualisierte Gewalt kann auch Bestandteil von Cyber-Mobbing sein. Hierbei wird die betroffene Person nicht nur einmalig, sondern wiederholt, meist auch mit steigender Intensität, vom Täter/von der Täterin über verschiedene Online-Portale massiv belästigt bzw. bloßgestellt. Beispielsweise werden beleidigende, verletzende Kommentare oder Bilder auf Profilseiten gepostet, es werden gefälschte Nachrichten an Freunde geschickt, es werden intime Fotos oder Details online gestellt, die zuvor in einer Vertrauenssituation entstanden sind.
Als Cyberstalking werden alle Stalking-Tätigkeiten bezeichnet, die mit Hilfe der beschriebenen neuen Medien durchgeführt werden. Wie bereits mehrfach erwähnt, nutzt auch der Cyber-Stalker die Tatsache, dass er online bzw. digital weitgehend unerkannt seine Tätigkeiten durchführen bzw. seine Identität verschleiern kann.

Sexualisierte Gewalt und Handynutzung

Handys komplettieren die bisher aufgezeigten (anonymen), digitalen Kommunikationsmittel. Heutzutage werden sie nicht mehr nur zum Telefonieren oder SMS-Schreiben verwendet, sondern auch zum Überspielen von Gewaltvideos oder Pornos bzw. zum Übertragen von Filmen mit inszenierten Überfällen, Schlägereien (Stichwort: Happy Slapping) oder auch Vergewaltigungen.
Hat man z. B. die Bluetooth-Funktion seines Handys angeschaltet, ist es für jemand anderen ein leichtes, unbemerkt und anonym ein Sex-Video aufs Handy zu schicken. Selbstverständlich sind Kinder und Jugendliche mit solchen jugendgefährdenden Inhalten überfordert.

(Kinder-)Pornografie im Netz

Die Konfrontation mit pornografischen Inhalten im Netz ist allgegenwärtig. Allein über die gängigen Online-Suchmaschinen erzielt man Millionen von Treffern für jugendgefährdende Websites, Fotos und Videos sowie Live-Cams. Hinzu kommt, dass man oftmals aus Versehen auf pornografische Websites gelangt, z. B. wenn Betreiber solcher Seiten Verlinkungen über seriöse Seiten (z. B. Online-Reisebüros o. Ä.) schalten. Manchmal ist es sogar technisch erschwert, pornografische Seiten wieder zu verlassen/zu schließen. Des Weiteren sind vermeintliche Sicherheits- bzw. Zugangsbarrieren, wie beispielsweise der "Adult-Check" mittels der Altersabfrage auch für Minderjährige leicht zu umgehen. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern ist die Verbreitung von Pornografie in Deutschland verboten.

Da das Internet aber einen weltweiten Markt erschließt, stellt auch diese rechtliche Verankerung keinen realen Schutz dar. Vor allem, weil wie bereits aufgezeigt, weitere Rahmenbedingungen per se vorhanden sind: leichter Zugang von zu Hause, Anonymität, niedrige Kosten, Mannigfaltigkeit und Devianz des Materials, grenzenloser Markt, Experimentierraum zwischen Fantasie und realem Verhalten, virtuelle Identitäten, leichte Kontaktaufnahme zwischen Täter und Opfer bzw. verschiedenen Tätern sowie ein niedriges Entdeckungsrisiko.
Daneben weisen auch viele Online-Musikvideos oder Werbefotos immer wieder stark sexualisierte Züge auf, die selbstverständlich auch die öffentliche Wahrnehmung, v. a. die Meinung von Kindern und Jugendlichen prägen.

Im Internet bestehen bzgl. Pornografie demnach zwei generelle Gefahren: Zum einen unfreiwillig und unvorbereitet pornografisches Material konsumieren zu müssen und zum anderen die Tatsache, dass kinderpornografisches Material vermarktet und verbreitet werden kann, Täter hier also einen weiteren Absatzsektor gefunden haben, der die Produktion ankurbelt und damit das Ausmaß sexuellen Missbrauchs erhöht.

Folgen sexualisierter Medien-Gewalt

Die Folgen erlebter digitaler bzw. virtueller sexualisierter Gewalt unterscheiden sich generell nicht von den Folgen real erlebter Übergriffe: allgemeine psychische Belastungssituation, Vertrauensverlust, Ängste, Schamgefühl, Wahrnehmungsstörungen, Ekel und Wut, Schlafstörungen usw. Lediglich tatsächliche physische Verletzungen bleiben vorerst erspart.

Für Kinder und Jugendliche, die ohne Vorwarnung bzw. zufällig mit pornografischem Material in Kontakt kommen, entsteht fast immer eine Situation emotionaler Überforderung. Gerade für sehr junge Kinder kommt es immer zu einer Belastungssituation, die - wenn sie nicht angesprochen und bearbeitet wird - zu beschriebenen Gefühlszuständen wie Angst, Scham und Ekelgefühlen führen kann.

Aufgrund der eingangs erläuterten Tatsache, dass das Internet Kinder und Jugendliche sozialisiert, d. h. Verhalten mitbestimmt, Wissen vermittelt und Lernerfahrungen garantiert, kann der bewusste oder unbewusste Konsum von pornografischem Material - wenn er nicht reflektiert und gefiltert wird - dazu führen, dass sich das Gesehene im Selbstbild verankert und die sexuelle Entwicklung negativ beeinflusst, weil z. B. Geschlechterrollen einseitig dargestellt sind oder aber bestimmte sexuelle Praktiken in den Vordergrund gestellt und damit als Normalität angesehen werden können.

Schutzmöglichkeiten

Eltern können ihre Kinder von den neuen Medien, speziell vom Internet und den dargestellten Online-Diensten nicht gänzlich fernhalten, da diese zur heutigen Sozialisation gehören. Deshalb ist es notwendig, sich darauf einzustellen, mit ihnen über die Thematik "Sexualität und Internet" bzw. "Gefahren im Internet" zu reden. Damit die Medienkompetenz nicht auf das technische Knowhow reduziert wird, sondern auch das Reflektieren von Inhalten und Wissen über Gefahrenquellen umfasst.

Die Angst bzw. Sorge, dass das eigene Wissen zu gering ist, ist verständlich, doch eigentlich unbegründet, da es mittlerweile eine Vielzahl an Internetseiten gibt, die über sinnvolle Sicherheitseinstellungen für den Browser allgemein bzw. für die Nutzung der Web-Dienste speziell informieren. Zudem werden kinder- und jugendgerechte Materialien (Flyer etc.) zum Download angeboten. Es empfiehlt sich immer, über den eigenen Medienkonsum bzw. über den Medienkonsum der Kinder zu sprechen, evtl. sogar zu dokumentieren, z. B. in Form eines Medientagebuchs.

Folgende Links sind empfehlenswert:

  • www.chatten-ohne-risiko.net
    Diese Seite gibt konkrete Verhaltenstipps für die Nutzung von Chats.
  • www.jugendschutz.net
    Nützliche Informationen zu digitaler Gewalt, Meldestelle bei virtuellen Übergriffen/Auffälligkeiten.
  • www.klicksafe.de
    Diese Seite informiert generell über Gefahren beim Surfen im Internet und gibt nützliche, einfach erklärte Tipps.
  • www.schau-hin.info
    Diese Seite stellt verschiedene Flyer zum Download bereit, spricht vor allem Eltern jüngerer Kinder an.
  • www.internet-abc.de
    Kindgerechte Seite, die erklärt, was das Internet ist, was es bietet etc. Es gibt auch einen Link zum Internet-ABC für Erwachsene.

Literatur zum Thema:

  • Programm Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes (Hrsg.): Im Netz der neuen Medien. Internet, Handy und Computerspiele – Chancen und Risiken für Kinder und Jugendliche (Stuttgart, 2008); www.polizei-beratung.de
  • BMFSFJ: Ein Netz für Kinder. Entdecke dein Internet


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