Vergewaltigung


Gliederung des Artikels

Mögliche Reaktionen nach einer Vergewaltigung/sexuellen Nötigung

Ärztliche Versorgung nach einer Vergewaltigung

Anzeigenerstattung

Der Prozess

Information für unterstützende Angehörige und Freunde/innen


 

Mögliche Reaktionen nach einer Vergewaltigung/Sexuellen Nötigung

Eine Vergewaltigung oder eine sexuelle Nötigung bedeuten eine schwere Verletzung der Persönlichkeit – es handelt sich um ein traumatisches Ereignis. Die erlittenen Erniedrigungen, Beschämungen und Ängste während einer Vergewaltigung oder sexuellen Nötigung, hinterlassen oft tiefe Verletzungen, die häufig nur langsam verheilen und sehr belastend sind.
Unmittelbar nach der Tat sind bei den Betroffenen Gefühle der Angst, Ohnmacht, Demütigung, Erniedrigung und Beschmutzung vorherrschend. Das Bedürfnis nach einem sicheren Ort, nach Ruhe und manchmal auch nach der Anwesenheit von vertrauten Menschen ist häufig wichtiger als alles andere.

 

Es können folgende weitere individuell verschiedene Reaktionen auf eine Vergewaltigung auftreten:

  • Wiederkehrende Bilder und Erinnerungen an die Vergewaltigungs-/Nötigungssituation
  • Erinnerungslücken an den Hergang
  • Permanentes Angespanntsein, Schlafstörungen und Alpträume
  • Veränderungen im Sexualverhalten
  • Körperliche Stressreaktionen (Herzrasen u. a.)
  • Körperliche Erkrankungen (Magenschmerzen u. a.)
  • Ekel vor sich selbst
  • Fehlende Lebensfreude, Trauer
  • Selbstvorwürfe
  • Wut auf den Täter
  • Wut auf jeden und alles
  • Veränderungen im Sozial- und Kontaktverhalten
  • Konzentrationsschwäche
  • Gesteigerter Arbeitseifer ebenso wie die Unfähigkeit zu arbeiten
  • Schweigen, Rückzug
  • Verschlossenheit ebenso wie Redefluss, über das, was passiert ist

Versuchen Sie, mit Ihren Ängsten und Gefühlen nicht allein zu bleiben. Vielleicht gibt es einen Angehörigen oder einen Menschen in Ihrem Freundeskreis, dem Sie vertrauen können und der Ihnen glaubt.

Manchmal haben Frauen und Mädchen erst Tage oder Wochen danach Kraft genug, um sich Anderen mitzuteilen. Auch kann es vorkommen, dass die Auswirkungen der Gewalt erst sehr viel später bewusst werden  – z. B. in einer Krise oder weil z. B. bei einer ärztlichen Untersuchung danach gefragt wurde. Auch können Sie sich jeder Zeit an Dornrose e.V. wenden. Die Mitarbeiterinnen unterstützen und beraten Sie. Gemeinsam kann überlegt werden, wie weitere Schritte aussehen können.

 

Ärztliche Versorgung nach einer Vergewaltigung

Der Arztbesuch ist vor allem für Ihre gesundheitliche Versorgung wichtig.

Suchen Sie eine Ärztin/einen Arzt/Klinikum so bald wie es Ihnen möglich ist auf - am besten innerhalb von 24 Stunden nach der Tat.
Die Untersuchung dient in erster Linie dazu, dass eventuelle Verletzungen und mögliche gesundheitliche Folgen frühzeitig erkannt und behandelt werden können. Sie können Ihre vertraute Frauenärztin oder Ihren Frauenarzt aufsuchen oder sich an den Notdienst in einem Krankenhaus wenden. Ärztinnen und Ärzte stehen unter Schweigepflicht. Auch nach der Untersuchung bleibt es Ihre Entscheidung, ob Sie anzeigen oder nicht.

Im Falle einer Anzeige kann die ärztliche Untersuchung zur Beweisführung beitragen.

Viele Frauen sehen zunächst von einer Anzeige ab, entscheiden sich aber zu einem späteren Zeitpunkt dafür. Die ärztliche Untersuchung kann zur Spuren- und Beweissicherung beitragen, die auch im Falle einer späteren Anzeige als wichtige Beweisgrundlage genutzt werden kann.

Worauf können Sie bei der ärztlichen Untersuchung achten?

Die folgenden Hinweise beziehen sich auf Ihre gesundheitliche Versorgung und auf die Möglichkeiten der ärztlichen Beweissicherung:

  • Wenn es Ihnen möglich ist und auch wenn es schwer fällt, sollten Sie sich vor der Untersuchung nicht waschen, da ansonsten eventuelle Spuren (z. B. Sperma) weggespült werden.
  • Werfen Sie bitte keine Kleidung oder ähnliche Gegenstände weg, an denen sich Spuren des Täters befinden könnten. Entsprechende Spuren können sofort oder später untersucht werden. Dafür sollten Sie Kleidung u. ä. ungewaschen, einzeln und trocken in Papiertüten (keine Plastiktüten!) aufbewahren.
  • Machen Sie die Ärztin/den Arzt auf jede schmerzende Stelle aufmerksam. Alle Verletzungen, Beschwerden und Untersuchungsergebnisse sollten protokolliert werden. Auch die Bescheinigung des Schockzustandes ist wichtig.
  • Manche Verletzungen zeigen sich erst später, z. B. durch sogenannte blaue Flecken. Wenden Sie sich in diesen Fällen bitte erneut an Ihre Ärztin/Ihren Arzt, damit die Verletzung behandelt und attestiert wird.
  • Ihre Ärztin/Ihr Arzt kann Sie hinsichtlich einer möglichen Schwangerschaft beraten und Ihnen gegebenenfalls die 'Pille danach' verschreiben.
  • Es sollte geklärt werden, ob es zu einer sexuell übertragbaren Erkrankung gekommen ist. Auch das Risiko einer HIV-Infektion sollte besprochen werden.
  • Zu dem Arztbesuch können Sie sich von einer Freundin, einer anderen Vertrauensperson oder von einer Notruf-Mitarbeiterin begleiten lassen. Bleiben Sie auch nach der Untersuchung nicht allein. Sie können z. B. Ihre Ärztin oder Ihren Arzt bitten, dass sie/er den Kontakt zu einer Vertrauensperson oder zu einer Mitarbeiterin des Frauennotrufs für Sie aufnimmt.

 

Anzeigenerstattung

Was Sie über die Vernehmung wissen sollten:

  • Fertigen Sie, wenn Sie können, vor der Vernehmung ein Gedächtnisprotokoll mit allen Einzelheiten des Tathergangs, Täterbeschreibung, Zeugen usw. an.
  • Wenn Sie eine Anzeige machen wollen, dann erstatten sie diese, um Mehrfachbefragungen zu vermeiden, am besten direkt bei der Kriminalpolizei.
  • Lassen Sie sich das Merkblatt 'Rechte von Verletzten und Geschädigten in Strafverfahren' aushändigen.
  • Sie haben das Recht, von einer Vertrauensperson, Ihrer Anwältin oder einer Mitarbeiterin des Notrufs zur Vernehmung begleitet zu werden.
  • Sie haben außerdem das Recht, von einer weiblichen Beamtin vernommen zu werden.
  • Bitten Sie um eine Fotokopie Ihres Vernehmungsprotokolls.
  • Lesen Sie nach der Vernehmung das Protokoll in Ruhe durch und unterschreiben Sie es nur, wenn es 100 % richtig ist. Achten Sie dabei besonders darauf, dass Ihre eigenen Formulierungen protokolliert wurden.

 

Der Prozess

Wichtig ist, sich frühzeitig an eine Rechtsanwältin/einen Rechtsanwalt zu wenden, damit Sie - mit Hilfe Ihrer Anwältin/Ihres Anwalts - die Ihnen zustehenden Rechte voll wahrnehmen können. Falls Sie kein oder nur ein geringes Einkommen haben, erhalten Sie eine erste unentgeltliche Beratung bei einer Anwältin/einem Anwalt, wenn Sie sich zuvor bei der Rechtsantragsstelle Ihres zuständigen Amtsgerichts einen sogenannten Berechtigungsschein ausstellen lassen. Sie sind nicht verpflichtet, sich dann weiter von dieser Anwältin/diesem Anwalt vertreten zu lassen.

Im Gerichtsverfahren sind Sie Zeugin, d.h. dass Sie grundsätzlich nur berechtigt sind, während Ihrer eigenen Aussage an der Verhandlung teilzunehmen. Anders ist es allerdings, wenn Sie sich dem Verfahren als Nebenklägerin anschließen. Dies muss durch einen besonderen Antrag geschehen.

Als Nebenklägerin haben Sie das Recht auf Akteneinsicht vor der Verhandlung. Sie haben das Recht, während des gesamten Prozesses im Gerichtssaal anwesend zu sein. Sie können die Aussagen des/der Täters/-in mit anhören. Sie können Beweisanträge stellen, haben ein Fragerecht und die Möglichkeit, Rechtsmittel gegen ein Urteil einzureichen.

Was die Kosten für eine Anwältin/einen Anwalt betrifft, so haben sie die Möglichkeit, sofern Sie kein oder nur ein geringes Einkommen haben, Prozesskostenhilfe zu beantragen. Vordrucke für Anträge auf Prozesskostenhilfe gibt es bei den Amts- und Landgerichten und bei der Staatsanwaltschaft. Wird der/die Täter/in verurteilt, muss er, wenn er in der Lage ist, Ihre Anwältinnenkosten/Anwaltskosten tragen, unabhängig davon, ob Sie als Nebenklägerin oder lediglich als Zeugin am Verfahren beteiligt waren.

 

Information für unterstützende Angehörige und Freunde/-innen

Wie können von Vergewaltigung/sexueller Nötigung Betroffene unterstützt werden?

In der Zeit nach einer Vergewaltigung/sexuellen Nötigung sind die Reaktionen der Umwelt für die betroffene Frau sehr wichtig. Insbesondere der Kontakt zu den nächsten Vertrauenspersonen kann für eine Verarbeitung der Gewalterfahrung von Bedeutung sein. Nehmen Sie die Betroffene mit ihrem Schmerz, ihrer Wut, ihrer Trauer und ihrer Angst ernst!

Eine Vergewaltigung/sexuelle Nötigung löst immer einen schweren Schock aus. In Folge entstehen oft sehr unterschiedliche  Reaktionen. Es kann sein, dass eine Frau erst einmal über das Vorgefallene spricht, sich danach aber völlig verschließt, auch engsten Vertrauten gegenüber.
Die Art des Verhaltens in dieser Phase lässt keine Aussage darüber zu, wie schlimm die Betroffenen letztendlich die sexualisierte Gewalt erlebt haben. Die Wünsche und Bedürfnisse der Frauen können individuell sehr unterschiedlich sein, sollten jedoch immer respektiert werden. Nur die Betroffenen selbst können wirklich beurteilen, was ihnen hilft.

Deshalb ist es wichtig nicht über den Kopf der Betroffenen hinweg zu entscheiden.

Sexualisierte Gewalt hat meist eine nachhaltige Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls einer Frau zur Folge. Ihre Grenzen sind missachtet worden, Sicherheitsgefühle in sich und andere sind erschüttert, sie fühlt sich ohnmächtig und wertlos. Unterstützen Sie die Betroffenen dabei, dass sie sich wieder sicher im Alltag fühlen können.
Häufige Reaktionen können auch Schuldgefühle (Was habe ich falsch gemacht? u. a.) und verschiedene Formen der Selbstverletzung (z. B. Ritzen, Suchtmittelmissbrauch, Essstörungen, Suizidgedanken, u. a.) sein.

Zeigen Sie deshalb immer, dass Sie dem Täter die alleinige Verantwortung für die Tat geben.

Nach einem sehr belastenden Erlebnis können zusätzlich Erinnerungslücken auftreten. In Folge trauen Betroffene  ihren Wahrnehmungsvermögen manchmal nicht mehr. Sie sind verwirrt und stark verunsichert.
Das hängt u. a. damit zusammen, dass die Informationsverarbeitung des Gehirns in traumatisierenden Situationen anders als im Alltag abläuft.

Lassen Sie den Betroffenen Zeit! Ermöglichen Sie es zusammen mit den Betroffenen, dass der Alltag sicher gestaltet werden kann (z. B. Begleitung zu Ämtern, u. a.).

Zur eigenen Unterstützung und Entlastung können auch für Sie Gespräche mit anderen Menschen hilfreich sein. Auch die  Mitarbeiterinnen von Dornrose e.V. sind Ansprechpartnerinnen für Sie.

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