Sexuelle Übergriffe unter Kindern

 

Gliederung des Artikels

Kriterien, die sexuelle Übergriffe unter Kindern charakterisieren

Maßnahmen nach Bekanntwerden von sexuellen Übergriffen unter Kindern

Der Umgang mit dem betroffenen Kind

Der Umgang mit dem übergriffigen Kind

Fachlicher Umgang in Institutionen bei Situationen sexueller Übergriffe unter Kindern

Grundsätze für die Elternarbeit

Pädagogische Handlungsorientierung für die Arbeit mit den beteiligten Kindern in Institutionen


 

Kindliche Sexualität  zeichnet sich durch Unbefangenheit, Spontanität, Entdeckungslust und Neugierde aus. Kinder leben ihre Sexualität bezogen auf sich selber aus und folgen ihrem Bedürfnis nach körperlicher Nähe intuitiv. Das gehört zu den normalen kindlichen Betätigungen. Auch die sogenannten Doktorspiele stehen in diesem Zusammenhang. Diese basieren für alle beteiligten Kinder auf dem Prinzip der Freiwilligkeit.
Anders stellt sich die Situation dar, wenn gezielt durch Druck, Versprechungen oder körperliche Gewalt sexuelle Handlungen - sexuelle Übergriffe - von einem beteiligten Kind erzwungen werden. In diesem Fall werden die Grenzen übertreten und die Intimsphäre des anderen Kindes missachtet. In diesen Situationen, in denen geplant und gezielt vorgegangen wird, herrscht zumeist ein Machtgefälle zwischen den beteiligten Kindern.
Sexuelle Übergriffe unter Kindern können im Elternhaus ebenso stattfinden wie in Kindertageseinrichtungen, Schulen oder auf Spielplätzen. Sie zeigen sich in unterschiedlicher Form und Intensität.
Sprechen wir von sexuellen Übergriffen unter Kindern, dann sollte sorgfältig mit Begriffen umgegangen werden. Zu schnell wird im Alltag von „Sexuellem Missbrauch“ gesprochen. Kinder werden als Täter oder Opfer bezeichnet und auch entsprechend behandelt. Diese Zuschreibung ist jedoch fatal. Die beteiligten Kinder bei sexuellen Übergriffen unter Kindern auf die Begriffe Täter und Opfer festzuschreiben, kann sie in eine Entwicklung hinein drängen, die ihnen eher schadet als nutzt.
Im Zusammenleben und in der alltäglichen Arbeit mit Kindern gilt es, sehr genau hinzuschauen, wie und warum es zu den Übergriffen gekommen ist. Nur aus dieser Wahrnehmung heraus lässt sich die Situation einschätzen und lassen sich angemessene und sinnvolle Konsequenzen entwickeln. (vgl. Freund/Riedel-Breidenstein `Sexuelle Übergriffe unter Kindern´)

Kriterien, die sexuelle Übergriffe unter Kindern charakterisieren:

  • Unfreiwilligkeit: Sexuelle Übergriffe unter Kindern liegen dann vor, wenn sexuelle Handlungen durch ein übergriffiges Kind erzwungen werden bzw. das betroffene Kind sie unfreiwillig duldet oder sich unfreiwillig daran beteiligt, da es dazu überredet worden ist. Betroffene Kinder fühlen sich dann gezwungen z.B. sexuelle Handlungen geschehen zu lassen oder werden dazu gedrängt, obwohl sie das nicht wollen.
  • Machtgefälle: Es ist zu beobachten, dass zwischen den beteiligten Kindern ein Machtgefälle besteht, das häufig durch einen Altersunterschied gegeben ist.
    Häufig wird dabei das Machtgefälle zwischen den beteiligten übergriffigen und betroffenen Kindern durch Versprechungen, Anerkennung, Drohung oder körperliche Gewalt ausgenutzt.
  • Geheimhaltungsdruck: Mit zunehmendem Alter wird Geheimhaltungsdruck häufiger ausgeübt, weil das ältere Kind sehr genau weiß, dass es Unrecht tut.

Maßnahmen nach Bekanntwerden von sexuellen Übergriffen unter Kindern:

Wenn Erwachsene von sexuellen Übergriffen unter Kindern in Kenntnis gesetzt werden – sei es dadurch, dass übergriffige Situationen beobachtet werden oder dass sich ihnen Kinder anvertrauen – sind folgende Reaktionen und Maßnahmen wichtig:

  • Den Übergriff unbedingt beenden, sofern er noch andauert!
  • Dem betroffenem Kind zuerst die Aufmerksamkeit und Zuwendung schenken!
  • Gespräch gemeinsam mit beiden Kindern unbedingt vermeiden!
  • Dem übergriffigen Kind die Grenze aufzeigen, die es überschritten hat.
  • Maßnahmen ergreifen, die eine Wiederholung oder Fortsetzung verhindern.
  • Sich fachliche Unterstützung holen.

Der Umgang mit dem betroffenen Kind:

  • Mit dem Kind in ruhiger und ungestörter Atmosphäre reden.
  • Das Kind braucht dabei vorrangig Trost und Mitgefühl.
  • Gleichzeitig dienen Gespräche dazu Ängste abzubauen!
  • Dabei ist es wichtig, dass das Kind durch Vertrauen und Parteilichkeit unterstützt wird.
  • Die sexuellen Übergriffe werden eindeutig als Unrecht gewertet und der Schutz für die Zukunft wird dabei deutlich gemacht.

Gesprächspunkte mit dem betroffenen Kind über den Vorfall:

  • Was ist passiert?
  • Gut, dass du es gesagt hast.
  • Das darf das andere Kind nicht.
  • Ich pass auf, dass das nicht wieder vorkommt (Schutz).
  • Ich werde dem anderen Kind sagen, dass es das nicht machen darf.
  • Du darfst mir jederzeit sagen, wenn das andere Kind etwas tut, was du nicht magst.

Zum Wohle der betroffenen Kinder liegen die Ziele von Maßnahmen darin, dass sie

  • den Schutz des betroffenen Kindes gewährleisten.
  • das Selbstbewusstsein des betroffenen Kindes stärken.
  • betroffene Kinder unterstützen und das Gefühl vermitteln, dass die verletzten Grenzen wieder hergestellt werden.

Der Umgang mit dem übergriffigen Kind:

Folgende Faktoren und Ziele sind beim Gespräch mit dem übergriffigen Kind von Bedeutung:

  • Ruhigen, ungestörten Gesprächsrahmen schaffen.
  • Deutlich Grenzen setzen!
  • Gespräch auf Augenhöhe führen.
  • Gesprächsanlass genau benennen.
  • Sagen, was man über den sexuellen Übergriff weiß.
  • Deutlich das übergriffige Verhalten ablehnen.
  • In der Wortwahl kurz und prägnant sein.

Im Gespräch und in der pädagogischen Arbeit mit übergriffigen Kindern ist zu berücksichtigen, dass

  • diese durch Einsicht von ihrem Verhalten Abstand nehmen.
  • sie lernen, Grenzen einzuhalten.
  • sie spürbar nachvollziehen, dass sie Unrecht angerichtet haben und ein Bewusstsein dafür entwickeln.
  • sie lernen, die Grenzen anderer Kinder zu respektieren.

Allgemein sind als Handlungsrichtlinien zu beachten, dass die Maßnahmen

  • das betroffene Kind nicht einschränken.
  • konsequent umgesetzt werden und am Alter orientiert zeitlich begrenzt sind.
  • nicht entwürdigend sein dürfen.
  • sich auf die Übergriffssituationen beziehen.
  • die ergriffen werden sollen, nicht den Entscheidungen der betroffenen Kindern überlassen werden. Dies ist für betroffene Kinder überfordernd und kann weitere Aggressionen nach sich ziehen.

Alle Maßnahmen sollen Wiederholungen verhindern.

Fachlicher Umgang in Institutionen bei Situationen sexueller Übergriffe unter Kindern:

  • Durchführung von Projekten zum Thema „Schutz vor sexualisierter Gewalt“ hilft Mädchen und Jungen dabei, sich vor sexuellen Übergriffen zu schützen.
  • Es geht darum, gewalttätiges Verhalten frühzeitig wahrzunehmen, zu beenden und Grenzen zu setzen!
  • Dabei müssen Maßnahmen entwickelt und durchgeführt werden, die die übergriffigen Kindern in ihre Grenzen weisen.
  • Ruhe bewahren und eine professionelle Haltung einnehmen.
  • Der fachliche Umgang mit sexuellen Übergriffen ist praktischer Kinderschutz.
  • Eltern von betroffenen Kindern benötigen die Unterstützung der Pädagogen/innen.
  • Es müssen im pädagogischen Alltag Bedingungen geschaffen werden, in der sich alle Kinder sicher und wohl fühlen.
  • Sich fachliche Unterstützung holen.

Grundsätze für die Elternarbeit:

Eltern von betroffenen Kindern können sich im Gespräch beruhigt fühlen, wenn sie den Eindruck gewinnen, dass

  • ihre Aufregung, Ängste und Sorgen ernst genommen werden.
  • der Vorfall einmalig bleibt.
  • alles getan wird, um sexuelle Übergriffe zu beenden.
  • der Schutz des Kindes ein hohes Gut ist.
  • die Eltern ein Recht auf diesen Schutz haben.
  • sie genau erfahren, was für den Schutz des Kindes getan wird (leiten daraus die Sicherheit ihres Kindes ab).
  • die Institution die Verantwortung übernimmt und für das weitere Vorgehen in der Gruppe Sorge trägt.

Für die Arbeit mit Eltern übergriffiger Kinder gilt, diesen mitzuteilen, dass

  • das Kind nicht als „Täter“ stigmatisiert wird und nicht vor anderen Kindern gedemütigt und bloßgestellt wird.
  • seine Intimsphäre so weit wie möglich gewahrt wird. Die Information über den Vorfall wird sinnvoll begrenzt.
  • die in Aussicht gestellten oder bereits angeordneten Maßnahmen verdeutlichen, dass der Vorfall nicht in Ordnung war. Dabei wird betont, dass das Verhalten des Kindes abgelehnt wird, jedoch nicht das Kind als Person.

Eltern eines übergriffigen Kindes entwickeln fast immer Schuldgefühle, wenn sie von solch einem Vorfall hören. Sie fühlen sich als Erziehende angegriffen, haben das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Es ist hilfreich, mögliche Abwehrreaktionen der Eltern in das Gespräch mit einzubeziehen, um Transparenz und Vertrauen herzustellen. Das Gespräch ist geprägt durch Einfühlung, Verständnis, Klarheit und Kompetenz.

 

Pädagogische Handlungsorientierung für die Arbeit mit den beteiligten Kindern in Institutionen:

Gespräche zur Verarbeitung des Geschehenen sind für alle beteiligten Kinder unterstützend und für die weitere Entwicklung hilfreich. Hier kann auf alle oben aufgeführten Schwerpunkte zurückgegriffen werden, die für die Gespräche mit betroffenen und übergriffigen Kindern erarbeitet sind.

Der Schutz und die Unterstützung des betroffenen Kindes hat Priorität.

Wichtige Aspekte im Gespräch mit dem übergriffigen Kind bestehen darin, Einsicht in das Fehlverhalten zu fördern, das Kind selbst auch zu Wort kommen zu lassen, aber auch sensibel zu erfragen, ob es schon einmal ähnliches selbst erlebt hat. Die Maßnahmen werden zum Schutz betroffener Kinder ergriffen und sollen dem übergriffigen Kind ermöglichen, sein Verhalten zu verändern. Dabei wird das Kind pädagogisch unterstützt und begleitet.
 

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